Gute Kommunikation ist nicht nett. Sie ist wirksam.
Ein kürzlich auf LinkedIn veröffentlichter Artikel über floskelhaftes Loben thematisierte Situationen, in denen scheinbar alles immer „großartig“ ist. Das Fazit lautete sinngemäß: Gute Kommunikation heißt, Dinge konkret und ehrlich zu benennen. Das schafft Orientierung, Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Ein interessanter Gedanke – und einer, dem die meisten von uns zustimmen würden.
Im Alltag handeln wir jedoch oft anders. Gerade Führungskräfte greifen häufig zu verallgemeinerndem Lob – und vermeiden differenzierte Ehrlichkeit. Doch bevor wir bewerten, ob das ein Problem ist, lohnt sich eine grundlegende Frage:
Was bedeutet „Ehrlichkeit“ in der Kommunikation eigentlich?
Ist Ehrlichkeit
- die Gesamtheit unserer Gedanken?
- alles, was wir über eine Person oder Situation denken?
- oder das, was wir im Gespräch aussprechen?
Selbst wenn wir davon ausgingen, dass all unsere Gedanken sozial vertretbar wären, stoßen wir schnell an eine Grenze: Wir können niemals alles sagen, was wir denken.
Allein der Umfang unserer Gedanken zwingt uns zur Auswahl. Wir filtern, verkürzen und priorisieren – ständig. Kommunikation ist immer Auswahl. Nie vollständige Wahrheit.
Wir filtern – aber nach welchem Kriterium?
Wir sagen nicht einfach „die Wahrheit“. Wir sagen das, was uns in einer Situation wichtig erscheint.
Aber wichtig wofür?
- Um unseren Standpunkt klarzumachen?
- Um zu motivieren?
- Um zu beeinflussen?
- Um zu korrigieren?
- Um zu mahnen?
Je nach Ziel lenken wir unsere Kommunikation bewusst oder unbewusst.
Und damit nicht genug. Kommunikation endet nicht beim Sprechen
Alles, was wir sagen, muss vom Gegenüber interpretiert werden. Worte allein reichen nicht. Unser Gegenüber „liest“ zusätzlich:
- Tonfall
- Pausen
- Mimik
- Gestik
- Körperhaltung
- Blickkontakt
- Rhythmus und Melodie der Stimme
Kommunikation wird dechiffriert, nicht einfach empfangen. Zwischen Gesagtem und Gemeintem liegt immer Interpretation.
Vor diesem Hintergrund wird klar: Die viel zitierte „exakte Ehrlichkeit“ ist eher ein Ideal – als gelebte Realität.
Wirkungskommunikation statt Wahrheitsillusion
Deshalb empfiehlt sich ein Perspektivwechsel: Sobald die Akzeptanz da ist, dass Kommunikation immer nur einen Ausschnitt der inneren Wahrheit zeigt, lässt sich bewusster entscheiden, wie eine Botschaft wirken soll.
Die zentrale Frage lautet nicht:„ Was ist meine ganze Wahrheit?“ Sondern: „Was soll meine Botschaft beim anderen bewirken?“
Je nach Ziel braucht Kommunikation eine andere Form
Du willst überzeugen?
Sprich motivierend. Mit klarer Struktur, Energie, Haltung und starken sprachlichen Ankern.
Du willst erklären?
Hole dein Gegenüber dort ab, wo es steht. Sprich verständlich, anschlussfähig und in einer Sprache, die es leicht macht zu folgen.
Du willst ermahnen oder kritisieren?
Benenne den konkreten Gap zwischen erwartetem und gezeigtem Verhalten. Sachlich, klar und ohne Nebelkerzen.
Zwischenfazit für Führungskräfte: Gute Kommunikation passt sich dem Ziel an – nicht dem eigenen inneren Chaos.
Ein Klassiker aus dem Führungsalltag: Lob und Kritik vermischt
Im Arbeitsalltag erleben wir häufig unklare Kommunikation – besonders bei Kritik. Viele Führungskräfte haben gelernt: „Vor Kritik erst loben.“ Das führt dann zu Sätzen wie: „Stefan, du weißt ja, dass ich eigentlich sehr zufrieden mit dir bin. Aber eines muss ich dir mal sagen …“
Spätestens bei „eigentlich“ weiß Stefan, was kommt. Das Lob kommt nicht an. Die Kritik dominiert alles. Vermischte Botschaften werden nicht differenziert gehört.
„Eines zu einer Zeit“ – ein Prinzip aus dem Schauspiel
Wenn man Lob und Kritik kombinieren möchte, dann braucht es Trennung.
- Ein echtes, klar formuliertes Lob
- Ein abgeschlossener Satz
- Eine Pause
- Danach die Kritik – ebenso klar und präzise
So kann das Gegenüber beides aufnehmen. Im Schauspiel nennt man dieses Prinzip: „Eines zu einer Zeit.“
Gedanken und Gefühle werden nicht unterdrückt, sondern in eine lesbare Reihenfolge gebracht. Klarheit entsteht durch Struktur, nicht durch Nettigkeit.
Bewusste Kommunikation ist keine Manipulation
Wirkungskommunikation bedeutet nicht, unehrlich zu sein. Im Gegenteil: Alle persönlichen und moralischen Standards können – und sollen – erhalten bleiben.
Der Unterschied liegt im Fokus:
- Weg von der eigenen inneren Wahrheit
- Hin zur Frage: Was kann mein Gegenüber wie gut aufnehmen?
Dazu gehören auch:
- Pausen
- Dosierung von Information
- Klarheit über das Wesentliche
- bewusster Einsatz von Stimme und Körpersprache
Verstanden zu werden ist wichtiger, als alles gesagt zu haben.
Was bedeutet das konkret für Führungskräfte?
- Weniger Missverständnisse
- Weniger Rechtfertigungsschleifen
- Mehr Klarheit in Feedbackgesprächen
- Mehr Wirkung bei Präsentationen
- Mehr Vertrauen durch Verständlichkeit
Ehrlichkeit bleibt ein hoher Wert. Aber sie allein garantiert noch keine gelungene Kommunikation.
Vertiefung im Trainingsformat
Die im Beitrag beschriebenen Prinzipien zur Wirkungskommunikation vertiefen wir im Training „Besser sprechen: Stimme, Körpersprache, Wirkung“ anhand konkreter Führungssituationen.